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Cannabis oder Schmerzmittel? Ibuprofen, Paracetamol, Metamizol und Opioide im Vergleich

Ist Cannabis ein Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Opioide? Ein sachlicher Vergleich: wie die Wirkstoffe wirken, was Studien bei akuten und chronischen Schmerzen zeigen, welche Nebenwirkungen typisch sind und warum es kein pauschales Besser oder Schlechter gibt.

Stillleben: drei unterschiedlich große Glasflaschen auf einer schmalen Messingwippe vor sandfarbenem Hintergrund, darüber ein feiner Kreis.KI-generiert
Titelbild: Im Vergleich
Stillleben, Glas und Messing · KI-generiert
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Inhalt dieses Artikels
  1. Ist Cannabis ein Schmerzmittel?
  2. Wie wirken die gängigen Schmerzmittel?
  3. Wie gut wirken Schmerzmittel und Cannabis bei akuten Schmerzen?
  4. Wie gut wirken sie bei chronischen Schmerzen?
  5. Gibt es Studien, die Cannabis direkt mit Schmerzmitteln vergleichen?
  6. Welche Nebenwirkungen haben Schmerzmittel und Cannabis im Vergleich?
  7. Kann man Cannabis und Schmerzmittel kombinieren?
  8. Warum es kein pauschales Besser oder Schlechter gibt
  9. Häufige Fragen

Viele Menschen mit Schmerzen fragen sich, ob Cannabis eine Alternative zu Tabletten wie Ibuprofen oder zu Opioiden sein kann. Die ehrliche Antwort ist kompliziert: Die Wirkstoffe arbeiten auf ganz verschiedene Weise, sie wurden in unterschiedlichen Situationen untersucht, und direkte Vergleiche gibt es kaum.

Dieser Artikel stellt die gängigen Schmerzmittel und Cannabinoide nebeneinander: Wirkprinzip, Studienlage bei akuten und chronischen Schmerzen und typische Nebenwirkungen. Was Studien und Leitlinien speziell zu Cannabis bei chronischen Schmerzen sagen, steht ausführlich im Artikel Cannabis bei chronischen Schmerzen. Eine Rangliste gibt es hier bewusst nicht.

Ist Cannabis ein Schmerzmittel?

Nicht im klassischen Sinn. Ibuprofen oder Paracetamol sind dafür zugelassen und gut untersucht, Schmerzen innerhalb von Stunden spürbar zu senken. Cannabinoide wirken anders: Sie verändern über das Endocannabinoid-System eher, wie Schmerz wahrgenommen und bewertet wird. Bei akuten Schmerzen zeigte sich das in Studien kaum, bei chronischen Schmerzen fanden Übersichtsarbeiten einen kleinen Effekt bei einem Teil der Behandelten.

Medizinisches Cannabis ist in Deutschland kein zugelassenes Fertigarzneimittel gegen Schmerzen. Eine Verordnung ist ein individueller Therapieversuch, über den die Ärztin oder der Arzt nach Prüfung des Einzelfalls entscheidet. Wie Cannabis grundsätzlich im Körper wirkt, erklärt der Artikel Cannabis-Wirkung.

Wie wirken die gängigen Schmerzmittel?

Schmerzmittel greifen an unterschiedlichen Stellen an. Das erklärt, warum sie bei verschiedenen Schmerzarten unterschiedlich gut wirken und warum ihre Nebenwirkungen so verschieden sind.

Gängige Schmerzmittel und Cannabinoide: Wirkprinzip und typischer Einsatz (vereinfacht)
WirkstoffgruppeBeispieleWirkprinzipTypischer Einsatz
NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika)Ibuprofen, Diclofenac, Naproxenhemmen das Enzym Cyclooxygenase und damit entzündungsfördernde BotenstoffeSchmerzen mit Entzündung, etwa an Gelenken oder Zähnen, Regelschmerzen
ParacetamolParacetamolWirkmechanismus nicht vollständig geklärt, kaum entzündungshemmendleichte Schmerzen, Fieber
MetamizolMetamizolWirkmechanismus nicht vollständig geklärt, schmerzlindernd, fiebersenkend und krampflösendstärkere Schmerzen, krampfartige Schmerzen; in Deutschland verschreibungspflichtig
OpioideTramadol, Tilidin, Morphin, Oxycodonaktivieren Opioidrezeptoren in Rückenmark und Gehirn und dämpfen die Schmerzweiterleitungstarke akute Schmerzen, Tumorschmerzen, ausgewählte chronische Schmerzen
CannabinoideTHC, Cannabisblüten, Extraktewirken über CB1- und CB2-Rezeptoren des Endocannabinoid-Systemskeine Standardtherapie, allenfalls Einzelfall bei chronischen Schmerzen

Wie gut wirken Schmerzmittel und Cannabis bei akuten Schmerzen?

Bei akuten Schmerzen, etwa nach einer Operation oder einer Verletzung, sind klassische Schmerzmittel sehr gut untersucht. Eine Cochrane-Übersicht wertete rund 460 Studien mit etwa 50.000 Teilnehmenden aus. Je nach Wirkstoff und Dosis mussten 1,5 bis 20 Menschen behandelt werden, damit eine Person zusätzlich mindestens die Hälfte ihrer Schmerzen loswurde (NNT). Für Ibuprofen in der geprüften Einzeldosis lag diese Zahl bei 2,5, das gilt als guter Wert.

Für Cannabinoide fällt das Bild anders aus. Eine Übersichtsarbeit zu sieben Studien mit 611 Patientinnen und Patienten bei akuten Schmerzen fand in fünf Studien keinen Unterschied zu Placebo, in einer einen Vorteil und in einer eine schlechtere Wirkung als Placebo. Auch zusammen mit Opioiden verstärkten Cannabinoide die Schmerzlinderung nicht. Die Autorinnen und Autoren folgern, dass Cannabinoide bei akuten Schmerzen keine Rolle spielen.

Wie gut wirken sie bei chronischen Schmerzen?

Bei chronischen Schmerzen sind die Effekte aller Medikamente kleiner, als viele erwarten. Das gilt nicht nur für Cannabis. Für Paracetamol fand eine Metaanalyse im BMJ mit hoher Vertrauenswürdigkeit kurzfristig keinen Nutzen bei Kreuzschmerzen und bei Knie- und Hüftarthrose nur einen Effekt, der zu klein war, um im Alltag spürbar zu sein.

Für Opioide bei chronischen Schmerzen ohne Tumorerkrankung fand eine Metaanalyse mit 96 Studien und mehr als 26.000 Teilnehmenden eine mittlere Schmerzsenkung von 0,69 Zentimetern auf einer 10-Zentimeter-Skala gegenüber Placebo. Rund 12 Prozentpunkte mehr Menschen erreichten eine spürbare Verbesserung. Für nicht inhalierte Cannabisarzneimittel kam eine Metaanalyse mit 32 Studien auf 0,50 Zentimeter und rund 10 Prozentpunkte.

Diese Zahlen stammen aus unterschiedlichen Studien mit verschiedenen Patientengruppen und lassen sich nicht direkt gegeneinander aufrechnen. Sie zeigen aber: Weder Opioide noch Cannabis sind bei chronischen Schmerzen starke Lösungen für alle. Leitlinien setzen deshalb zuerst auf Bewegung, Physiotherapie, Schmerzpsychotherapie und multimodale Programme.

Chronische Schmerzen: Ergebnisse großer Metaanalysen im Vergleich zu Placebo (nicht direkt vergleichbar)
WirkstoffUntersuchte SchmerzenErgebnis gegenüber PlaceboQuelle
ParacetamolKreuzschmerzkein Nutzen (hohe Vertrauenswürdigkeit)Machado 2015
ParacetamolKnie- und Hüftarthrosemessbarer, aber klinisch nicht relevanter EffektMachado 2015
Opioidechronische Schmerzen ohne Tumor (96 Studien)Schmerz minus 0,69 cm auf 10-cm-Skala, rund 12 Prozentpunkte mehr mit spürbarer BesserungBusse 2018
Cannabisarzneimittel (nicht inhaliert)chronische Schmerzen, überwiegend ohne Tumor (32 Studien)Schmerz minus 0,50 cm auf 10-cm-Skala, rund 10 Prozentpunkte mehr mit spürbarer BesserungWang 2021

Gibt es Studien, die Cannabis direkt mit Schmerzmitteln vergleichen?

Nur sehr wenige. Eine bekannte Studie stammt aus Großbritannien: 96 Menschen mit chronischen Nervenschmerzen erhielten nacheinander, jeweils sechs Wochen lang, das schwache Opioid Dihydrocodein und das synthetische Cannabinoid Nabilon. Weder sie noch die Behandelnden wussten, welches Mittel gerade gegeben wurde.

Dihydrocodein linderte die Schmerzen etwas besser als Nabilon, der Unterschied lag bei rund 6 Millimetern auf einer 100-Millimeter-Skala. Nebenwirkungen waren unter Nabilon häufiger. Schwere unerwünschte Ereignisse traten bei keinem der beiden Mittel auf.

Für Cannabisblüten zum Verdampfen gibt es keine vergleichbaren Studien gegen Ibuprofen, Paracetamol, Metamizol oder Opioide. Aussagen wie „Cannabis wirkt besser als Ibuprofen“ sind deshalb durch Studien nicht gedeckt.

Welche Nebenwirkungen haben Schmerzmittel und Cannabis im Vergleich?

Jedes wirksame Schmerzmittel hat Risiken, nur liegen sie an unterschiedlichen Stellen. Das ist oft wichtiger für die Wahl als die Stärke der Wirkung, besonders bei Vorerkrankungen und längerer Einnahme.

NSAR belasten Magen und Herz-Kreislauf-System. In einer großen Auswertung von Hunderten Studien erhöhten Coxibe und Diclofenac schwere Gefäßereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall um etwa ein Drittel. Auf 1.000 Behandelte kamen pro Jahr etwa drei zusätzliche schwere Ereignisse, eines davon tödlich. Alle untersuchten NSAR erhöhten zudem das Risiko für Blutungen und andere Komplikationen im oberen Magen-Darm-Trakt.

Paracetamol ist in üblicher Dosierung gut verträglich, eine Überdosis kann aber die Leber schwer schädigen. In einer US-Studie gingen 42 Prozent aller Fälle von akutem Leberversagen auf Paracetamol zurück. Knapp die Hälfte davon war unbeabsichtigt, und von diesen Betroffenen hatten 38 Prozent mehrere paracetamolhaltige Präparate gleichzeitig eingenommen.

Metamizol kann sehr selten eine Agranulozytose auslösen, einen starken Abfall bestimmter weißer Blutkörperchen mit gefährlichen Infektionen. Laut Europäischer Arzneimittel-Agentur (2024) hängt das Risiko nicht von der Dosis ab und kann auch nach früherer problemloser Einnahme auftreten. Warnzeichen sind Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen und schmerzhafte Schleimhautentzündungen.

Opioide machen müde, verstopfen und können abhängig machen. In Studien zu chronischen Schmerzen erbrachen 5,9 Prozent unter Opioiden und 2,3 Prozent unter Placebo. Eine Übersichtsarbeit schätzt, dass 21 bis 29 Prozent der Menschen mit chronischen Schmerzen Opioide fehlgebrauchen und 8 bis 12 Prozent eine Abhängigkeit entwickeln. Mehr dazu im Artikel Starke Schmerzmittel.

Cannabis führt vor allem zu Schwindel, Müdigkeit, Übelkeit und Konzentrationsproblemen. In der BMJ-Metaanalyse lag der zusätzliche Anteil mit Schwindel bei 9 Prozentpunkten in Studien unter drei Monaten und bei 28 Prozentpunkten in längeren Studien. Dazu kommen das Risiko einer Cannabiskonsumstörung und psychische Nebenwirkungen. Einen Überblick gibt der Artikel Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis.

Typische Risiken im Überblick (Auswahl, keine vollständige Liste)
WirkstoffgruppeHäufige NebenwirkungenWichtige ernste Risiken
NSARMagenbeschwerdenMagen-Darm-Blutungen, Herzinfarkt und Schlaganfall, Nierenschäden
Paracetamolin üblicher Dosierung seltenLeberversagen bei Überdosierung
MetamizolBlutdruckabfall, allergische ReaktionenAgranulozytose (Abfall weißer Blutkörperchen)
OpioideVerstopfung, Übelkeit, MüdigkeitAbhängigkeit, Atemdepression, besonders mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln
CannabinoideSchwindel, Müdigkeit, Mundtrockenheit, KonzentrationsproblemeCannabiskonsumstörung, Angst, Psychosen, Herz-Kreislauf-Reaktionen

Kann man Cannabis und Schmerzmittel kombinieren?

Kombinationen sind möglich, aber nur ärztlich abgestimmt. Besonders Opioide und Cannabis können sich in ihrer dämpfenden Wirkung verstärken: mehr Müdigkeit, Schwindel und ein höheres Sturzrisiko. Außerdem werden THC und viele Medikamente über dieselben Leberenzyme abgebaut. Details stehen im Artikel Cannabis und andere Medikamente.

Die Hoffnung, mit Cannabis Opioide einzusparen, ist nicht belegt. Die deutsche S3-Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden (LONTS, 2026) konnte dazu wegen sehr geringer Evidenz keine Empfehlung aussprechen. Wer Schmerzmittel nimmt, sollte sie nie eigenständig reduzieren oder absetzen, wenn Cannabis hinzukommt.

Warum es kein pauschales Besser oder Schlechter gibt

Welches Mittel passt, hängt von der Schmerzart, der Dauer, den Vorerkrankungen und den anderen Medikamenten ab. Bei einer Magenblutung in der Vorgeschichte scheiden NSAR oft aus, bei Lebererkrankungen ist bei Paracetamol Vorsicht geboten, bei Suchterkrankungen bei Opioiden und Cannabis, bei Psychosen in der eigenen oder familiären Vorgeschichte bei Cannabis.

Für einen Therapieversuch mit Cannabis sprechen sich Leitlinien allenfalls dann aus, wenn etablierte Behandlungen nicht ausreichend geholfen haben oder nicht vertragen wurden, und dann als Ergänzung mit klaren Zielen. Wie ein solcher Therapieversuch aufgebaut ist, beschreibt der Artikel Cannabis bei chronischen Schmerzen.

Häufige Fragen

Ist Cannabis ein Schmerzmittel?

Nicht im klassischen Sinn. Bei akuten Schmerzen zeigte es in Studien meist keinen Vorteil gegenüber Placebo, bei chronischen Schmerzen einen kleinen Effekt bei einem Teil der Behandelten.

Wirkt Cannabis besser als Ibuprofen?

Dafür gibt es keine Belege. Direkte Vergleichsstudien fehlen, und bei akuten Schmerzen ist Ibuprofen gut untersucht, Cannabinoide dagegen kaum wirksam.

Ist Cannabis eine Alternative zu Opioiden?

Nicht pauschal. In einer direkten Vergleichsstudie wirkte das Opioid Dihydrocodein etwas besser als das Cannabinoid Nabilon. Dass Cannabis Opioide einsparen hilft, ist nicht belegt.

Darf ich Ibuprofen und Cannabis zusammen nehmen?

Das klärst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Nenne bei jeder Verordnung alle Medikamente, auch frei verkäufliche.

Welches Schmerzmittel hat die wenigsten Nebenwirkungen?

Das lässt sich nicht allgemein sagen. Jedes Mittel hat eigene Risiken, die je nach Vorerkrankung schwerer oder leichter wiegen.

Kann Cannabis Tilidin oder Tramadol ersetzen?

Ein Ersatz ist nicht belegt. Opioide dürfen außerdem nicht eigenständig abgesetzt werden, jede Änderung gehört in ärztliche Hand.

Quellen

  1. Stevens AJ, Higgins MD (2017): A systematic review of the analgesic efficacy of cannabinoid medications in the management of acute pain. Acta Anaesthesiol Scand
  2. Moore RA et al. (2015): Single dose oral analgesics for acute postoperative pain in adults – an overview of Cochrane reviews. Cochrane Database Syst Rev
  3. Machado GC et al. (2015): Efficacy and safety of paracetamol for spinal pain and osteoarthritis. BMJ
  4. Busse JW et al. (2018): Opioids for Chronic Noncancer Pain: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA
  5. Wang L et al. (2021): Medical cannabis or cannabinoids for chronic non-cancer and cancer related pain. BMJ
  6. Frank B et al. (2008): Comparison of analgesic effects and patient tolerability of nabilone and dihydrocodeine for chronic neuropathic pain. BMJ
  7. Coxib and traditional NSAID Trialists' (CNT) Collaboration (2013): Vascular and upper gastrointestinal effects of non-steroidal anti-inflammatory drugs. Lancet
  8. Larson AM et al. (2005): Acetaminophen-induced acute liver failure: results of a United States multicenter, prospective study. Hepatology
  9. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Metamizole-containing medicinal products – referral (2024)
  10. FDA Drug Safety Communication (2016): Serious risks and death when combining opioid pain or cough medicines with benzodiazepines
  11. Vowles KE et al. (2015): Rates of opioid misuse, abuse, and addiction in chronic pain. Pain
  12. Deutsche Schmerzgesellschaft: S3-Leitlinie Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen (LONTS), Version 4.0 (2026)

420doc Redaktion · Veröffentlicht am 26. Oktober 2026 · Aktualisiert am 26. Oktober 2026
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